Das Lied ist fertig und eingespielt. Ich denke ständig darüber nach, ob meinem Vater das Lied wohl gefallen hätte. Und ich werde ihn niemals vergessen.

Die Rauhnächte sind jetzt vorüber und der Dreikönigstag beendet die magische Zeit. Es heißt ja, dass die Grenzen zwischen den Welten in den Rauhnächten durchlässig werden. Manchmal hatte ich wirklich das Gefühl, die Hand meines Vaters auf meiner Schulter zu spüren. Ob ihm wohl das Lied gefallen hätte? Und werden wir uns wieder begegnen, wenn ich in die andere Welt gehe?

Hier ist die vierte Strophe:

Wenn die Türe sich öffnet, in die andere Welt
Und die Zeit für mich da ist, um hindurchgehn,
Wirst du auf mich warten, im anderen Sein?
Werde ich dich dort treffen? Werd ich dich wiedersehn?

Und ich geh in deiner Jacke,
Sie riecht immer noch nach dir.
Geh in ihr durch Wind und Regen
Wünschte mir, du wärst noch hier.
Und in manchen meiner Träume
Kann ich dich noch immer sehn.
Ich werd dich niemals vergessen.
Wieviel Jahre auch vergehn.

Heute ist Wintersonnwende, der kürzeste Tag des Jahres und die längste Nacht. Die Kelten bezeichneten diesen Tag als Yule oder auch Alban Arthan, das  Licht der Wintersonnenwende.
Mit diesem Tag beginne auch die zwölf Raunächte, die das alte Jahr abschließen und das neue einleiten.

Ich dachte mir, dass dieser Tag gut für die dritte Strophe passt. Ist wirklich alles vorbei, wenn das Leben endet? Oder gibt es dort Blumen und Musik und Licht?
Ich weiß nur, dass niemand bisher zurückgekommen ist, um davon zu berichten.

Hier ist die dritte Strophe:
Ist da wo du jetzt bist nur noch das große Nichts?
Nur Vergessen und Kälte und gar nichts mehr?
Oder blühen dort Blumen, gibt es Licht und Musik?
Und die Gläser werden dort niemals leer?

Und ich geh in deiner Jacke,
Sie riecht immer noch nach dir.
Geh in ihr durch Wind und Regen,
Wünschte mir, du wärst noch hier.
Und in manchen meiner Träume
Kann ich dich noch immer sehn.
Ich werd dich niemals vergessen,
Wieviel Jahre auch vergehn.

Mein Vater hat mir immer zugehört. Manchmal hatte ich das Gefühl, er ist der einzige, der mich wirklich verstehen kann.
Wir haben stundenlange Gespräche geführt und mir wurde klar, dass er einen großen Teil meiner Gefühle selbst gespürt haben muss.
Ich habe ihn immer als Vorbild gesehen. Jemand, zu dem man aufblickt. Jemand, der alles wieder in Ordnung bringt.
Nach all diesen Jahren weiß ich, dass er auch ein Mensch war. Mit Ecken und Kanten. Und ich habe ihn sehr geliebt.

Hier ist die zweite Strophe:

Du hast mir zugehört
Wie es keiner tat.
Du warst für mich da,
Als da sonst niemand war.
Ich hab zu dir aufgesehn,
Dich bewundert, geliebt.
Und du warst ein Mensch,
So viel ist mir jetzt klar.

Und ich geh in deiner Jacke,
Sie riecht immer noch nach dir.
Geh in ihr durch Wind und Regen,
Wünschte mir, du wärst noch hier.
Und in manchen meiner Träume
Kann ich dich noch immer sehn.
Ich werd dich niemals vergessen.
Wieviel Jahre auch vergehn.

Es ist jetzt vier Jahre her, dass mein Vater in die andere Welt gegangen ist. Ich wollte ihm immer ein eigenes Lied widmen. Aber zuerst war die Trauer noch zu nah und dann konnte ich keine Worte finden.

Heute Nacht ist Samhain – das keltische Neujahr und der Beginn der dunklen Jahreszeit. Die Kelten glaubten, dass die Grenze zur Anderswelt in dieser Nacht besonders durchlässig ist.

Ich hatte schon ein paarmal das Gefühl, dass mein Vater mir da besonders nahe ist. Mein rationaler Verstand sagt, dass das nicht sein kann. Dass das alles nur in meinem Kopf passiert. Aber ich habe ihn sehr geliebt und ich will nicht glauben, dass nichts von ihm übrig bleibt.
Ich trage immer noch seine alte Jacke und habe manchmal das Gefühl, seine Hand auf meiner Schulter zu spüren.

Hier ist die erste Strophe für das neue Lied – Deiner Jacke:

Du hast mir gezeigt, wie man Drachen baut,
Mir erklärt, warum Vögel fliegen.
Beim ersten Sprung ins kalte Wasser hast du mir gezeigt,
Wie es geht, seine Angst zu besiegen.

Und ich geh in deiner Jacke,
Sie riecht immer noch nach dir.
Geh in ihr durch Wind und Regen,
Wünschte mir, du wärst noch hier.
Und in manchen meiner Träume,
Kann ich dich noch immer sehn.
Ich werd dich niemals vergessen,
Wieviel Jahre auch vergehn.